Inklusion im Segelsport


Inklusion im Segelsport

Positionen und Forderungen
der
Deutschen 2.4mR Klassenvereinigung e.V.
15. Januar 2019

Aufgrund der Streichung des Segelns aus dem paralympischen Programm ist weltweit eine Diskussion über die Rolle des Behindertensegelns entstanden.

Die Deutsche 2.4mR Klassenvereinigung zählt zu ihren Mitgliedern etwa 75 Prozent Menschen ohne und 25 Prozent Menschen mit körperlicher Einschränkung. Sie bringt sich mit den nachfolgenden Positionen und Forderungen in die laufende Diskussion ein:

1       Positionen

  1. Wir segeln eine anspruchsvolle, international stark verbreitete Bootsklasse aus der Familie der Meter-Rule-Klasse, zu denen die 12er, 8er, 6er oder 5.5er gehören. Das Boot ermöglicht einer Vielzahl von Menschen chancengleich gegeneinander zu segeln: Frauen wie Männern, Schwer- wie Leichtgewichtigen, Jungen wie Alten, körperlich Beeinträchtigten wie nicht Beeinträchtigten, im Übrigen auch noch in einem finanziell überschaubaren Rahmen.
  2. Wir begrüßen es, dass der Deutsche Behindertensportverband ebenso wie die jeweiligen Landesverbände Segeln mit dem 2.4mR seit Jahren nachhaltig unterstützen.
  3. Wir freuen uns, dass zahlreiche Vereine als „Inklusionsstützpunkte“ (Plau am See PHL, Berlin YCBG, Geierswalde 1. WSVLS, Münster SCM und Prien am Chiemsee SCPC) sowie weitere Vereine Menschen mit Behinderungen das Segeln ermöglichen.
  4. Wir verstehen es allerdings nicht bereits als Inklusion, wenn Behinderten das Segeln ermöglicht wird. Inklusion besteht erst dann, wenn Menschen mit und ohne Behinderung den Segelsport unter gleichen Bedingungen ausführen – im besten Fall, wenn Menschen mit und ohne Behinderung bei Regatten mit gleichen Chancen gegeneinander segeln.
  5. Wohl einzigartig weltweit sind diese Bedingungen beim Wettkampf mit dem Segelboot der 2.4mR-Klasse gegeben. Seit Jahren segeln national und international Menschen mit und ohne Behinderung aller Altersklassen und aller Geschlechter auf hohem taktischen und High-Tech-Niveau gegeneinander. Bei den offenen Weltmeisterschaften gibt es Gewinner sowohl mit als auch ohne Behinderung.
  6. Dass Behinderte wie Nichtbehinderte im 2.4mR segeln können, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Teilhabe an der Welt aller Menschen. Das ist ein großer Fortschritt zu den nicht allzu fernen Zeiten, wo sogar Eltern ihre behinderten Kinder verstecken mussten, damit sie nicht „störten“ oder ein Makel auf die Erzeuger fiel.
  7. Bei Para-Wettkämpfen werden Behinderte interessanterweise allerdings auch wieder „ausgesondert“. Beim Segelsport in der Bootsklasse 2.4mR ist das jedoch gar nicht notwendig. Hier besteht die einmalige Chance, einen Schritt weiter zu gehen; nämlich wirkliche Inklusion im Sport zu realisieren.

2       Forderungen

  1. Die Deutsche 2.4mR Klassenvereinigung setzt sich dafür ein, dass alle Regatten im 2.4mR weltweit „offen“ ausgeschrieben werden – wie das in Deutschland seit langem üblich ist.
  2. Das impliziert, dass es keine (Bundes-)Ländermeisterschaften, Deutsche Meisterschaften, Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften mit dem Zusatz „Para“ für behinderte Segler geben soll.
  3. Bei diesen „offenen“ Meisterschaften kann es dann neben der Gesamtwertung, die alle Seglerinnen und Segler einschließt, durchaus gesonderte Wertungen und Preise für Behinderte und Nichtbehinderte, für Grandmaster über 60 oder Youngmaster unter 20 Jahren oder für weibliche bzw. männliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer geben.
  4. Wir fordern die Zusammenlegung der Wege der Sportförderung auf allen Ebenen. Künftig muss sich die Sportförderung nach dem individuellen Bedarf der Sportlerin und des Sportlers ausrichten. Zusätzliche Maßnahmen zur Förderung der persönlichen Assistenz, des Trainings und des Wettkampfumfelds im Segelsport von geschulten Helfern bis zu bedarfsgerechten Steganlagen sind zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen. Die Klassenvereinigung beteiligt sich aktiv an diesen Entwicklungsprozessen.
  5. Ferner sollen sich die verbandlichen Servicestrukturen aller nationalen Sportverbände, wie z.B. Trainer, Trainingslager, Schulungen und Lehrgänge wie bisher auch an die aktiven Sportlerinnen und Sportler, aber künftig auch auf das direkt assistierende und unterstützende Umfeld der Sportlerinnen und Sportler richten mit dem Ziel, die ungehinderte Teilhabe zu ermöglichen. Ressourcen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des Deutschen Behinderten Sportverbands (DBS) müssen hierzu koordiniert werden und gleichrangig verfügbar sein.
  6. In letzter Konsequenz fordern wir, die Bootsklasse 2.4mR in das Programm der Olympischen Spiele aufzunehmen. Das wäre ein angemessenes und starkes Signal für die Gleichberechtigung von Frau und Mann sowie Inklusion von Behinderten und Nichtbehinderten im Sport und es entspräche dem Geist der UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK).

Die vorgenannten Positionen und Forderungen sind getragen von dem Gedanken, dass „behindert“ letztlich nur ein Ausdruck für eingeschränkte Fähigkeiten auf einem Gebiet ist. Menschen weisen aber sehr vielfältige Eigenschaften und Fähigkeiten auf. Körperlich beeinträchtigt zu sein, ist dann nur eine Form dieser Vielfalt. Oder anders formuliert: Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Und beim (Wettkampf-)Sport kommt es darauf an, gerade in der speziellen Sportart in erster Linie Stärken zu haben. Wir erleben das besonders deutlich im 2.4mR. Hier ist nur die individuelle Fähigkeit, schnell segeln zu können, gefragt. Alles andere, ob körperlich eingeschränkt, gewichtsschwach oder zu wenig männliche Gene ist nachrangig bis unbedeutend.

Die vorstehende Stellungnahme wurde von unseren Mitgliedern Detlef Müller-Böling und Lutz-Christian Schröder erarbeitet und vom Vorstand der Deutschen 2.4mR Klassenvereinigung verabschiedet. Wir wünschen uns eine rege Resonanz und Diskussion auch innerhalb der Klasse.

Sie kann als pdf-Datei zur weiteren Verbreitung herunter geladen werden.

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