Erlebnisbericht eines neuen Mitglieds in der 2.4er Familie

Anja Schlutius (GER 71 anja.schlutius at web.de)

29. 5. 2008

Ich bin ein neues Mitglied in der Klassenvereinigung und möchte mich kurz vorstellen:
Mein Name ist Anja, ich bin 36 Jahre alt, wohne in Essen - und bin seit Mitte März stolzer Besitzer eines 2.4er's. Mit dem Eintritt in die Klassenvereinigung fragte Matti mich, ob ich meine ersten Segel-Erlebnisse - bzw. in meinem Fall gleich Regatta-Erlebnisse - nicht für die Internetseite der Klasse schildern möchte.

Dies möchte ich sehr gerne tun - und die Gelegenheit nutzen, mich bei allen Seglern zu bedanken, die mich Ende März beim Ruhr-City-Cup Essen am Baldeneysee so toll in die Klasse aufgenommen haben - insbesondere möchte ich mich bei zwei Stephan's bedanken: Stephan Giesen, der mich beim Finden eines geeigneten Schiffes so toll unterstützt hat und dann mit seiner Familie und mir einen ,,Oster-Ausflug`` zum Rursee machte, um ,,YOGYnchen`` von Wilhelm Jonkmanns abzuholen - und Stefan Klötzing, Lasse's Vater, der mir am Regatta-Wochenende am Baldeneysee so geholfen hat, mein Schiff trotz eines Windes, den man nicht gerade als ,,Anfängerwind`` bezeichnen konnte, segelklar zu bekommen. Wegen des sehr winterlichen Osterwochenendes hatte ich leider vor der Regatta keine Gelegenheit mehr probezusegeln.

Die Klasse 2.4mR habe ich praktisch erst im vergangenen Jahr kennengelernt, als ich in den WSB eingetreten bin und dort ein paar Schiffe auf ihren Craddles gesehen hatte. Ich suchte dann nach dem idealen Boot für mich, mit dem ich alleine segeln und auch Regatta segeln konnte - und Laser oder O-Jolle entsprachen so gar nicht meinen Vorstellungen...

Den 2.4er habe ich mir dann im Internet genauer angesehen - da gibt's ja herrliche YouTube-Videos!!! - und habe dabei natürlich auch die Klassenvereinigungs-Seite entdeckt und studiert. Hat mir alles sehr gut gefallen und meinen Entschluss bekräftigt, mich nach einem gebrauchten 2.4er umzusehen - was aber leider nicht so einfach schien.

Als mir Stephan Giesen dann das Mail von Herrn Jonkmanns weiterleitete, war mir sofort klar, dass ich dieses Schiff haben möchte. Meine Entscheidung habe ich eigentlich nie bereut - bis auf einmal: Anfang Mai war ich in Kroatien auf einem ,,großen`` Charterschiff segeln - und dieses Schiff hatte Rollsegel (auch ein Rollgroß ganz ohne Segellatten...). Es hat mir plötzlich keinen Spaß mehr gemacht, an dieser Yacht die Segel zu trimmen, denn: Es gab kaum was zu trimmen! Die Segel waren ausgeleiert, das Achterliek der Genua flatterte bei jeglichen Positionen des Holepunktes, einen Traveller für die Großschot gab es überhaupt nicht... - da schien ich doch nach so kurzer Zeit schon ziemlich verwöhnt zu sein von den Möglichkeiten eines 2.4er's!!! Außerdem hatten wir einen Wendewinkel von ziemlich genau 90o - da wäre ich beim Kreuzen gerne mit meinem Schiff nebenher gefahren.

Aber zurück zu meinen ersten Segel-Erlebnissen:
Wie gesagt haben wir eine Woche vor dem Ruhr-City-Cup ,,YOGYnchen`` abgeholt - Ostermontag bin ich dann bei starkem Schneefall aufgewacht und wusste, dass mein geplantes Einsegeln und Kennenlernen des Schiffes vor der Regatta somit ausfallen muss. Ich habe die Woche genutzt, um eine Versicherung und auch einen neuen Namen zu finden, so dass wir Freitag Abend noch schnell eine improvisierte Taufe machen konnten - mein Schiff trägt jetzt den Namen ,,Solveig 2.4`` - in Anlehnung an Rollo Gebhard, den großen Weltumsegler, der seine Schiffe alle ,,Solveig...`` genannt hat. Keine Angst, ich werde mit der kleinen ,,Solveig`` jetzt nicht zu einer Weltumsegelung starten, aber ich bin einfach fasziniert davon, wie Rollo Gebhard über's Segeln erzählt, was er durch das Segeln erreicht hat und wie sich Segeln auf sein Leben ausgewirkt hat.

Nach der Taufe konnte es also am folgenden Tag losgehen - und natürlich war mein ,,Vorsatz``, möglichst früh auf's Wasser zu kommen und mich wenigstens noch kurz vor dem Start an die zahlreichen (zum Glück beschrifteten...) ,,Leinen`` im Cockpit zu gewöhnen.

Aber es blieb bei einem ,,Vorsatz`` - die Realität sah anders aus: Es blies wie gesagt nicht gerade ein ,,Anfängerwind``, also sorgte eine gewisse Nervosität meinerseits dafür, dass ich viel lieber allen anderen zur Hand ging und ständig noch irgendetwas zu finden suchte, was ich tun könnte - um im Endeffekt dann als fast letzte meinen Craddle zum Kran zu rollen.

Im Wasser angekommen stand ich vor der mittelschweren bis unlösbaren Aufgabe, meine ,,Solveig`` an den Wasserliegeplätzen entlang zum Steg zu verholen - schließlich müsste ich mich zum Steuern doch ganz ins Schiff hineinsetzen - aber da liegt ein Baum mit angeschlagenem Groß - außerdem dürfte es von da unten doch annähernd unmöglich sein, effektiv zu paddeln (noch dazu mit diesem Mini-Opti-Paddel... - ...mittlerweile habe ich ein ,,richtiges`` Paddel von einem Schlauchboot mit auseinanderschraubbaren Teilen für unterwegs). Und ich müsste mich doch gleichzeitig von den scharfkantigen Pollern der Wasserliegeplätze freihalten - zumal Wind und Strömung an dem Tag aus unterschiedlichen Richtungen gegen Rumpf und Rigg drückten... Aber zum Glück hatte ich mir für die Regatta gemäß Segelanweisung eine 15m lange Schleppleine gekauft, mit der ich dann vom Steg aus von einem Vereinskollegen an meine Zwischenstation gezogen wurde (am 2. Regattatag hatte ich ähnliche Probleme - da wurde dann kurzerhand das DLRG-Boot herangerufen, welches mich aus dieser ,,Boxengasse`` herausschleppte...).

Das Segelsetzen war natürlich besonders ,,spannend``, da ich es noch nie gemacht hatte und nur dank Stefan's (Klötzing) Hilfe, alle Leinen richtig befestigen konnte (befestigen lassen konnte...) - insbesondere diejenige zum Ausbaumen der Fock) - danach war ich froh, dass der Start nicht am anderen Ende des Sees, sondern direkt vor unserem Verein erfolgte.

Sobald ich abgelegt hatte, ging es mir aber unbeschreiblich gut: Es war ein geiles Gefühl, wie das Schiff sofort Fahrt aufnahm und sich auf die Seite legte - zum Glück hatte ich ja vorher die YouTube-Videos gesehen und wusste, dass man diese Bootsklasse nicht konsequent aufrecht segeln muss (oder kann...) und die Krängung halt schon etwas stärker ausfallen darf... So erkannte ich auch schnell den Nutzen der Handpumpe - und lernte erstmalig, beim Segeln den Mund zu schließen...

Ich hatte dann recht schnell Angst, dass ab jetzt niemand mehr mit mir Yacht-Segeln möchte - wenn ich auf einem großen Schiff die gleiche Krängung zuließe...

Bis zum Start war ich eigentlich hauptsächlich damit beschäftigt, geradeaus zu segeln, ungefähr im 10 sec-Takt zu wenden, vom Segelschlagen keinen Hörsturz zu bekommen und kein anderes Boot zu rammen. Alles, was ich zuvor über Segeltrimm des 2.4er's gelesen hatte, blieb unbeachtet - war ja schon schwer genug, Groß- und Fockschot nicht zu verwechseln (Fockschotklemme hinter Großschotklemme fand ich ungewöhnlich) und die Pedale richtig zu bedienen (meine Füße hatten manchmal die Tendenz zum ,,Pinne wegdrücken`` wie auf einer Jolle - das war dann leider die falsche Richtung...). Der Wind lag beim Start bei geschätzten 4 Bft (aber insgesamt wurden an dem Wochenende bis zu 6 Bft erreicht, wie ich nachher bei www.wetter.com lesen konnte). Jetzt verstand ich, warum auf dem Startschiff nicht die akustischen, sondern die optischen Signale zählen - akustisch habe ich bis auf das Segelschlagen der Regattasegel nichts mehr wahrgenommen.

Mein erster Start war erwartungsgemäß zaghaft - und die weiteren auch noch nicht viel mutiger (...aber ich arbeite dran!). Für mich war an diesem Wochenende einfach nur wichtig, dass ich mich nach dem Start nicht allzu weit vom Feld entferne und eben bei dem starken Wind überhaupt starte und ins Ziel komme (ist mir nur bei 3 Wettfahrten gelungen - dazu später mehr). Insgesamt bin ich sogar recht zufrieden mit meiner ersten Regatta-Teilnahme, da das Segelerlebnis bei diesen Windverhältnissen so fantastisch war und manches dann trotz des allerersten Segelns in einem 2.4er recht gut geklappt hat (das Fock-Ausbaumen aber zugegebenermaßen nur manchmal).

Der 2. Regattatag war dann leider noch etwas windiger und vor allem böiger und ich hatte eben wiederum große Probleme, segelklar zu werden. Stefan half wiederum wunderbar - aber diesmal ließ sich das Groß nicht setzen, weil mir ein extrem peinlicher Anfängerfehler unterlaufen war (ich traue mich aber immerhin, es hier zu erwähnen): das Großfall ist mir mangels Achtknoten ausgerauscht und hing irgendwo im Mast... damit war das rechtzeitige Erreichen der Startlinie leider ausgeschlossen und ich den Tränen nahe...

Aber auch in dieser Situation war ich wieder begeistert von meiner neuen Bootsklasse: Wir haben den Mast ohne das Schiff aus dem Wasser zu holen einfach herausgenommen und am Vereinshaus so angelehnt, dass ich vom Balkon aus mit einem Bleiband das Großfall wieder ,,einfädeln`` konnte - das ist bei anderen Schiffen deutlich schwieriger...

Ich bin daraufhin noch etwas gesegelt, um mich von dem Schock und der Traurigkeit zu erholen und hab am Startschiff vorsichtshalber nachgefragt, ob vielleicht ein 5. Lauf stattfindet - hätte ja sein können... Aber trotzdem wurde es ein schöner (kurzer) Segeltag mit anschließender Siegerehrung.

Seitdem steht der Erinnerungspreis - ein Foto von Solveig und mir an unserem ersten gemeinsamen Segel- und Regattatag - auf meinem Büro-Schreibtisch und lässt mich auf viele schöne weitere Regatten hoffen.

Zum Chiemsee oder zur Kieler Woche schaffe ich es dieses Jahr leider noch nicht - ich habe Anfang des Jahres eben noch nicht meine Urlaubsplanung auf den Regattakalender abgestimmt. Das wird nächstes Jahr auf jeden Fall besser geplant!!! Meine nächsten Regatten werden dann wohl die Deutsche Meisterschaft in Schwerin und die Essener Segelwoche sein.


Anja Schlutius 2008-05-29